Der Bäcker, das Brötchen und die Frage nach meinem Lebensziel

Es gibt Einkäufe, die dauern drei Minuten. Und es gibt Einkäufe, nach denen man das Gefühl hat, eine zwischenmenschliche Beziehung aufgebaut zu haben.

Ich wollte eigentlich nur Brötchen.

Samstagmorgen, kurz nach neun. Vor mir in der Bäckerei drei Menschen. Eine ältere Dame, ein Mann in Jogginghose und eine Frau, die offenbar die komplette Produktpalette für eine Großfamilie bestellen wollte.

„Dann nehme ich noch zwei von den Körnern da.“

Die Verkäuferin zeigte auf ein Brötchen.

„Die?“

„Nein, daneben.“

„Die Weltmeister?“

„Nein, die anderen.“

„Dinkelkrüstchen?“

„Nein.“

Ich begann zu ahnen, dass ich meinen nächsten Geburtstag in dieser Bäckerei feiern würde.

Nach einigen Minuten war ich tatsächlich an der Reihe.

„Guten Morgen! Was darf’s sein?“

Endlich.

„Vier normale Brötchen, bitte.“

Die Verkäuferin sah mich an.

Nicht unfreundlich. Aber so, als hätte ich gerade in einem italienischen Restaurant Ketchup zu den Spaghetti bestellt.

„Normale?“

„Ja.“

„Was verstehen Sie denn unter normal?“

Eine überraschend philosophische Frage für 9:14 Uhr.

Ich schaute in die Auslage. Dort lagen ungefähr 37 verschiedene Backwaren, von denen mindestens 20 aussahen wie Brötchen.

„Na ja … Brötchen eben.“

Sie lächelte.

„Schnittbrötchen? Kaiserbrötchen? Knusperbrötchen? Unsere Rustikalen?“

Ich war überfordert.

Bis zu diesem Morgen hatte ich mein Leben für einigermaßen geordnet gehalten. Ich wusste, wo ich wohnte. Ich wusste, wie ich hieß. Ich hatte sogar eine ungefähre Vorstellung davon, was ich beruflich machte.

Aber offenbar wusste ich nicht, was ein Brötchen ist.

„Die ganz normalen da.“

Ich zeigte entschlossen auf einen Korb.

„Das sind unsere Goldstücke.“

Natürlich.

Was auch sonst.

„Dann vier Goldstücke.“

„Hell oder dunkel?“

Ich sah sie an.

Sie sah mich an.

Hinter mir räusperte sich jemand.

„Hell.“

„Sehr gerne.“

Vier Brötchen wanderten in die Tüte.

Geschafft.

„Sonst noch etwas?“

„Nein, danke.“

„2,80 Euro.“

Ich bezahlte, nahm meine Tüte und ging zur Tür.

„Schönes Wochenende!“, rief die Verkäuferin hinter mir her.

„Danke, gleichfalls!“

Und tatsächlich: Die Brötchen waren hervorragend.

Seitdem weiß ich allerdings, dass man beim Bäcker niemals sagen sollte: „Vier normale Brötchen.“

Denn Normalität ist offenbar keine Backware.