Manchmal braucht man einfach eine Pause.
Keine Termine. Kein Telefon. Keine Arbeit. Keine Verpflichtungen.
Nur ein schönes Hotel, gutes Essen, ein gemütliches Bett und vielleicht ein bisschen Wellness.
Also buchte ich zwei Nächte in einem Hotel in der Nähe von Düsseldorf, das auf seiner Internetseite mit einem Satz warb, der rückblickend eine gewisse Komik besitzt:
„Ankommen. Abschalten. Wohlfühlen.“
Angekommen bin ich.
Abgeschaltet wurde später tatsächlich einiges.
Und beim Wohlfühlen gab es noch kleinere Verhandlungen.
Die Parkplatzsuche – Entspannung beginnt jetzt
Laut Hotelbeschreibung standen „ausreichend Parkmöglichkeiten direkt am Haus“ zur Verfügung.
Das ist eine interessante Formulierung.
Denn „ausreichend“ ist offenbar keine konkrete Mengenangabe, sondern eine philosophische Betrachtungsweise.
Ich fuhr auf den Hotelparkplatz.
Voll.
Ich fuhr einmal herum.
Immer noch voll.
Man weiß ja nie.
Vielleicht verschwindet beim Umrunden des Gebäudes plötzlich ein Auto.
Beim dritten Versuch entdeckte ich tatsächlich eine freie Parklücke.
Zumindest glaubte ich das.
Als ich näher kam, stellte sich heraus, dass dort ein Motorrad stand.
Ein sehr kleines Motorrad.
Ich begann, es persönlich zu nehmen.
Also ging ich zur Rezeption.
„Entschuldigung, gibt es noch weitere Parkplätze?“
„Ja, hinter dem Hotel.“
Hinter dem Hotel angekommen, fand ich drei Parkplätze.
Alle belegt.
Zurück zur Rezeption.
„Die sind leider auch voll.“
„Dann können Sie an der Straße parken.“
Natürlich.
Warum war ich da nicht selbst drauf gekommen?
„Ausreichend Parkmöglichkeiten direkt am Haus“ bedeutete also: irgendwo in derselben Postleitzahl.
Nach weiteren zehn Minuten fand ich tatsächlich einen Platz.
Der Wellnessurlaub konnte beginnen.
Mein Blutdruck war jetzt jedenfalls schon einmal auf Betriebstemperatur.
Der Check-in
Die Dame an der Rezeption war ausgesprochen freundlich.
Sie erklärte mir Frühstückszeiten, Restaurant, WLAN und Wellnessbereich.
Dann kam der entscheidende Satz:
„Für den Wellnessbereich benötigen Sie Bademäntel. Die können Sie bei uns gegen eine Leihgebühr bekommen.“
Ich schaute sie an.
„Die sind nicht inklusive?“
„Nein.“
Interessant.
Ein Wellnesshotel ohne Bademantel ist ein bisschen wie eine Autowaschanlage, bei der Wasser extra kostet.
Aber gut.
Ich zahlte.
Dann bekam ich meine Zimmerkarte.
„Dritter Stock. Der Aufzug ist gleich dort vorne.“
Ein Aufzug!
Ich erinnerte mich direkt an ein Hotelerlebnis in Düsseldorf und empfand allein die Existenz des Aufzugs schon als Luxus.
Ich drückte den Knopf.
Die Tür öffnete sich.
Ich stieg ein.
Drückte auf 3.
Die Tür schloss sich.
Nichts passierte.
Ich drückte noch einmal.
Nichts.
Dann entdeckte ich einen kleinen Hinweis:
„Zimmerkarte vor Sensor halten.“
Natürlich.
Der Aufzug wollte erst meine Identität überprüfen.
Ich hielt die Karte davor.
Pieps.
Dritter Stock.
Wir fuhren.
Ich war drin.
Das Zimmer
Das Zimmer sah tatsächlich sehr schön aus.
Großes Bett.
Schreibtisch.
Sessel.
Moderner Fernseher.
Und auf dem Tisch stand sogar eine Flasche Wasser.
Ich war begeistert.
Bis ich das kleine Schild daneben las:
Mineralwasser – 4,50 €
Ich stellte die Flasche vorsichtig wieder zurück.
Sehr vorsichtig.
Nicht, dass schon das Ansehen berechnet wird.
Dann entdeckte ich den Balkon.
Herrlich!
Ich öffnete die Tür und trat hinaus.
Mein Blick fiel auf …
… den Parkplatz.
Genauer gesagt auf das Motorrad.
Das Motorrad, das vorher meinen vermeintlichen Parkplatz besetzt hatte.
Wir trafen uns wieder.
Ich nickte ihm zu.
Man kannte sich inzwischen.
Endlich Wellness
Jetzt aber.
Bademantel an.
Handtuch genommen.
Ab in den Wellnessbereich.
Dort angekommen stand ich vor einer verschlossenen Tür.
Zimmerkarte davor.
Pieps.
Rot.
Noch einmal.
Pieps.
Rot.
Ich versuchte es ein drittes Mal.
Rot.
Ein anderer Hotelgast kam vorbei.
„Geht Ihre Karte auch nicht?“
Das Wort „auch“ beunruhigte mich.
Wir standen nun zu zweit im Bademantel vor einer verschlossenen Tür.
Dann kam ein dritter Gast.
Seine Karte funktionierte.
Wir schlüpften gemeinsam hinein.
Eine interessante Sicherheitslösung.
Die Sauna
Die Sauna war schön.
Warm.
Ruhig.
Entspannend.
Ich setzte mich hin.
Endlich war alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Nach ungefähr fünf Minuten öffnete sich die Tür.
Ein Mann kam herein.
Dann noch einer.
Dann ein Paar.
Dann zwei weitere Personen.
Die Sauna füllte sich.
Und füllte sich.
Und füllte sich.
Irgendwann saßen wir dort wie Fahrgäste in einer überhitzten Straßenbahn.
Ein älterer Herr neben mir rückte ein Stück zur Seite.
„Ist heute aber voll.“
Ich nickte.
Mehr Kommunikation war aufgrund der räumlichen Situation ohnehin nicht nötig.
Wir waren uns bereits näher, als ich es für den ersten gemeinsamen Saunabesuch vorgesehen hatte.
Der „Ruheraum“
Nach der Sauna wollte ich mich entspannen.
Dafür gab es einen sogenannten Ruheraum.
Ein herrliches Wort.
Ruheraum.
Ich stellte mir leise Musik, gedämpftes Licht und absolute Stille vor.
Tatsächlich hörte ich:
„HEIKE, SIND HIER NOCH ZWEI LIEGEN FREI?“
Heike wusste es nicht.
Dafür wusste jetzt der gesamte Wellnessbereich, dass jemand zwei Liegen suchte.
Ich fand schließlich eine freie Liege in der Ecke.
Augen zu.
Entspannen.
Dann klingelte irgendwo ein Handy.
„HALLO?“
Pause.
„JA, WIR SIND IM WELLNESSBEREICH!“
Das war nicht zu überhören.
Ich begann zu verstehen, warum manche Menschen zur Entspannung in die Garage gehen.
Abendessen
Am Abend besuchte ich das Hotelrestaurant.
Ich bestellte ein Schnitzel mit Pommes.
Eine solide Entscheidung.
Dachte ich.
Nach ungefähr 35 Minuten kam das Essen.
Der Kellner stellte den Teller vor mich.
Schnitzel.
Salat.
Keine Pommes.
„Entschuldigung, da fehlen die Pommes.“
Er schaute auf den Teller.
Dann auf mich.
Dann wieder auf den Teller.
Eine kurze kriminalistische Untersuchung begann.
„Tatsächlich.“
Ich war erleichtert, dass wir zu demselben Ergebnis gekommen waren.
„Ich bringe sie sofort.“
Das Schnitzel wurde langsam kalt.
Nach zehn Minuten kamen die Pommes.
Jetzt waren die Pommes heiß und das Schnitzel kalt.
Temperaturmanagement scheint in Hotels generell ein schwieriges Thema zu sein.
Geschmeckt hat es trotzdem.
Die Nacht
Zurück im Zimmer freute ich mich auf mein Bett.
Ich legte mich hin.
Sehr bequem.
Licht aus.
Ruhe.
Perfekt.
Dann hörte ich:
Wumm. Wumm. Wumm.
Musik.
Offenbar fand irgendwo im Hotel eine Veranstaltung statt.
Ich schaute auf die Uhr.
23:18 Uhr.
Wumm.
Wumm.
Wumm.
Ich versuchte herauszufinden, welches Lied gespielt wurde.
Nach einigen Minuten erkannte ich den Rhythmus.
Das hätte ich lieber nicht getan.
Denn nun sang mein Gehirn mit.
Um 00:07 Uhr wurde es plötzlich ruhig.
Herrlich.
Ich schloss die Augen.
Dann:
„HAHAHAHAHAHA!“
Menschen auf dem Flur.
Türen.
Stimmen.
Noch eine Tür.
„GUTE NACHT, UWE!“
Danke.
Jetzt wusste zumindest das gesamte dritte Stockwerk, dass Uwe schlafen geht.
Ich übrigens auch.
Das Frühstück
Am nächsten Morgen erwartete mich ein großes Frühstücksbuffet.
Und ich muss sagen:
Es war wirklich gut.
Frische Brötchen.
Rührei.
Speck.
Käse.
Wurst.
Obst.
Joghurt.
Müsli.
Säfte.
Und eine Kaffeemaschine.
Ich stellte meine Tasse darunter.
„Cappuccino“ gedrückt.
Die Maschine machte:
BRRRRR – KLACK – ZISCH – BRRRRR.
Dann erschien auf dem Display:
„Tresterbehälter leeren.“
Natürlich.
Die Maschine und ich hatten uns gerade erst kennengelernt und schon delegierte sie Aufgaben.
Eine Mitarbeiterin kam, öffnete die Maschine, leerte irgendetwas und sagte:
„Jetzt müsste es wieder gehen.“
Zweiter Versuch.
BRRRRR.
KLACK.
ZISCH.
„Wasser nachfüllen.“
Ich begann zu lachen.
Die Mitarbeiterin auch.
„Heute will sie nicht.“
Beim dritten Versuch bekam ich tatsächlich einen Cappuccino.
Ich trug ihn vorsichtig zu meinem Tisch.
Nach allem, was wir gemeinsam durchgemacht hatten, fühlte er sich verdient an.
Der Check-out
Am nächsten Morgen gab ich meine Zimmerkarte ab.
„Hat es Ihnen bei uns gefallen?“, fragte die Mitarbeiterin.
Ich dachte kurz nach.
Der Parkplatz.
Die kostenpflichtigen Bademäntel.
Die rebellische Zimmerkarte.
Die Sauna in Straßenbahnbesetzung.
Der Ruheraum ohne Ruhe.
Die verspäteten Pommes.
Die nächtliche Musik.
Uwe.
Die Kaffeemaschine.
Und trotzdem musste ich grinsen.
„Ja“, sagte ich. „Erholsam war es … auf eine sehr aktive Art.“
Sie lachte.
„Dann besuchen Sie uns doch wieder.“
Vielleicht mache ich das sogar.
Denn schlecht war das Hotel wirklich nicht.
Es hatte nur eine etwas eigenwillige Vorstellung davon, wie Entspannung funktioniert.
Mein Fazit
Das Zimmer war schön, die Mitarbeiter freundlich und das Frühstück wirklich gut.
Auch der Wellnessbereich machte grundsätzlich einen ordentlichen Eindruck.
Nur mit der versprochenen Ruhe war es zeitweise schwierig.
Und wer mit dem Auto anreist, sollte entweder früh kommen oder Freude an ausgedehnten Spaziergängen haben.
Meine persönliche Bilanz:
Zimmer: ★★★★☆
Sauberkeit: ★★★★☆
Frühstück: ★★★★★
Wellness: ★★★☆☆
Ruhe: ★★☆☆☆
Parkplatzsuche: ★☆☆☆☆
Beziehung zum Motorrad: ★★★★★
Und habe ich mich erholt?
Durchaus.
Spätestens zu Hause.
Dort gab es nämlich alles, was ich nach diesem Wellness-Wochenende brauchte:
Eine freie Parkmöglichkeit.
Einen Bademantel.
Eine funktionierende Tür.
Und vor allem:
keinen Uwe auf dem Flur.